Die Weite beim Bauernhof von Anjas Gastfamilie, die Tabak anpflanzt.
Mitanpacken im Chalet war für Laurin eine spannende Abwechslung zum Schulalltag.
Die Hüher gackern vor dem Zimmer, dennoch wohnt die Gastfamilie von Laurin ganz nahe vom Zentrum von Lausanne.

Tabak ernten und für eine Bauernfamilie kochen – das beste Sprachtraining

Zürich, 01.09.2019

Um eine Sprache zu lernen, braucht es viel Sprechpraxis. Am Gymnasium Unterstrass sind die Schülerinnen und Schüler daher verpflichtet, während vier Wochen eine französisch- oder englischsprachigen Region zu besuchen. Anja und Laurin berichten von ihren Flow-Erlebnissen mit einer Fremdsprache bei der Arbeit auf einem Bauernhof oder beim Werken in einem Chalet.

Anja:

Mitte Juli werde ich das erste Mal von der Familie Jaccoud am Bahnhof in Payerne herzlich begrüsst. Nach einer kurzen Autofahrt kommen wir beim Bauernhaus in Vers-chez-Savary an. Ich deponiere mein Gepäck für den nächsten Monat im Zimmer von Camille, der zweitjüngsten der sechsköpfigen Familie. Es ist mit den rosa Wänden und den vielen Kuscheltiere sicher der Kindertraum jedes Mädchens.

Zu der Familie Jaccoud gehören Thierry, der Familienvater und leidenschaftlicher Bauer, Nicole, die Familienmutter und kaufmännische Angestellte, Damien, Gymischüler im letzten Jahr sowie Flavien, Camille und Félicien, welche alle noch die Schule besuchen. Von Camille und Félicien werde ich sofort als grosse Schwester ins Herz geschlossen und auch die anderen integrieren mich im Familienalltag.

Spannende Arbeitstage von 7 bis 19 Uhr

Meine Hauptbeschäftigung in diesem Monat ist vergleichbar mit der eines Au-pairs, wobei ich einen total geregelten Tagesablauf habe: Ich stehe um 6.45 auf und mache als erstes die Verpflegung für die Angestellten auf dem Feld bereit, welche mit der Tabak-Ernte beschäftigt sind. Anschliessend bereite ich das Frühstück vor, welches um 7.15 eingenommen wird. Zwischen dem Frühstück und dem Mittagessen folgen andere Tätigkeiten im Haus.

Um 11.30 beginne ich mit dem Aufwärmen des Mittagessens, welches ich am Vortag vorbereitet habe. Um zwölf Uhr serviere ich dann der ganzen Familie und allen Angestellten das Mittagessen. Nach der Hausarbeit am Nachmittag oder vielen spannenden Stunden auf dem Feld beim Tabak-Ernten oder Trocknen, habe ich um etwa halb acht Feierabend.

«Mixer» oder «Kalb»?

Ich finde Französisch ein tolle Sprache, doch fällt mir gleich zu Beginn des Aufenthaltes auf, dass mein Vokabular, welches ich von der Schule her kenne, im Alltagsleben auf dem Bauernhof kaum brauchbar ist. Alltägliche Wörter wie Mixer oder Kalb habe ich einfach nie gelernt. Nichts desto trotz habe ich plötzlich den Dreh raus und mir gefällt Französisch immer besser. So werde ich nie vergessen, wie meine «Mutter» in der Mitte der zweiten Woche zu mir sagt: «Aujourd’hui tu as eu ton déclic?» (Auf Deutsch: «Heute hat es bei dir Klick gemacht, oder?»)

An diesem Mittwoch habe ich zum ersten Mal einfach drauflosgeredet, ohne im Voraus jedes Wort übersetzt zu haben.

In der welschen Schweiz wird man überall mit offenen Armen empfangen. So lerne ich in diesem Monat die ganze Familie der Jaccouds kennen und werde sofort von allen in Gespräche verwickelt. Auch heikle Familienprobleme werden offen angesprochen und diskutiert, was mich sehr erstaunt. In der Deutschschweiz würde man diese Themen einfach übergehen.

Auf dem Bauernhof gibt es im Sommer unzählige Arbeiten zu verrichten, doch samstags nimmt sich die ganze Familie Zeit, um mit mir einen Ort in der Umgebung zu besuchen. So waren wir in Augusta Raurica, dem Creux du Van und der St. Petersinsel. Diese Ausflüge sind meine Highlights. Aber auch sonst habe ich viel unvergessliche Momente erleben dürfen, welche mir immer in guter Erinnerung bleiben werden.

Ich kann der Familie Jaccoud nur von ganzen Herzen für diese superschöne, lehrreiche und abwechslungsreich Zeit danken.


Laurin

Endlich ohne Anstrengung Französisch sprechen

Mit dem Auto geht es im März zweieinhalb Stunden von Meilen nach Lausanne zur Familie Maerten. Sie empfängt meine Mutter und mich herzlich und mit einem köstlichen französischen Mittagessen, welches aus Ratatouille und Nudeln besteht. Das Haus ist gross und hat einen Garten mit Hühnern, dennoch ist man mit der Metro innerhalb von 10 Minuten im Stadtzentrum von Lausanne. Mein Zimmer bietet einen Blick in den Garten und den Wald, ein grosses Bett und ein kleines Pult stehen bereit. In diesem Zimmer kann man sich definitiv wohl und mit dem schönen Ausblick geborgen fühlen. Die Familie besteht aus Bruder Emile, Physikstudent an der EPFL (École Polytéchnique Féderale de Lausanne), Schwester Marthe, Architekturstudentin an der EPFL, Vater Philippe, selbstständiger Gastroenterologe (ein Facharzt für Magen und Darm) und Mutter Isabel, Faszientherapeutin. Sie schliessen mich sofort in ihr Herz und lassen mich am Familienleben teilhaben. Am ersten Wochenende gehen wir in die Stadt, schauen meine Schule an, spazieren zur Kathedrale von Lausanne und essen etwas vom Markt auf dem Place de la Riponne. Ich fühle mich wohl und geborgen bei dieser Familie.

Der Schulalltag in Lausanne beginnt um 6:45 Uhr. Aufstehen, duschen, frühstücken und um 7:34 Uhr die Metro nehmen, dann den Bus. Die Schule dauert von 8:15 bis 16:00 Uhr. Zu Hause angekommen, heisst es, Hausaufgaben machen und – wenn niemand zu Hause ist – das Abendbrot vorbereiten.

In der Freizeit spiele ich im «Orchestre des Collèges et Gymnases Lausannois», im «Atelier musical du Gymnase de Beaulieu» und fahre viel Fahrrad.

Wasserleitungen verlegen und sägen
An den Wochenenden geht es häufig in das kleine Chalet der Familie im Wallis, oberhalb von St-Jean bei Grimentz, wo wir vor allem werken. Die Wasserleitung beispielsweise muss neu verlegt werden. Mit Pickeln und Schaufel muss auf einer Länge von über 200 Metern ein Graben von 30 Zentimeter in die Erde geschaufelt werden. Holz sägen und Isolation ankleben sind auch häufige Arbeiten.

Das Französisch ist von Anfang kein grosses Problem, da ich seit mehreren Jahren jeweils in meinen Ferien in Frankreich auf einem Bauernhof arbeite. Jedoch ist es anstrengend, den ganzen Tag eine Fremdsprache zu sprechen und zu verstehen. Nach ein paar Wochen stellt das aber kein Problem mehr dar, und auch die anfangs damit verbundene Müdigkeit ist verschwunden. Nach etwa ein bis zwei Wochen kommt der schönste Moment beim Lernen einer Fremdsprache: Der Moment, in dem man nicht mehr denken muss um zu sprechen. Ab dann formt man den Satz nicht zuerst im Kopf, um ihn auszusprechen, sondern es läuft einfach und man spricht fliessend Französisch.

In den vier Monaten in der Westschweiz durfte ich viele Highlights erleben, wie zum Beispiel die Frühlingsferien in Neapel, in die ich die Familie netterweise begleiten durfte. Wir haben zusammen auch die Amalfi-Küste und Pompeii besichtigt. Ein weiteres Highlight ist das Konzert mit der Schulband im «Théâtre de Beaulieu» an der Maturitätsfeier vor 1800 Leuten.

Die offene Mentalität der Welschen

Ich danke der Familie Maerten für alles, was ich mit ihr erleben durfte und für die tolle Zeit in Lausanne. Ich bin begeistert von der offenen Mentalität der Westschweizer und finde, dass wir uns in Zürich auch eine Scheibe abschneiden könnten. Nach einer so aufregenden Zeit habe ich mich über die erholsamen Sommerferien gefreut und bin mit grossen Sprachkenntnissen wieder in den Unterricht gestartet.